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Aktuell langweile ich mich mit Christine Brückners Roman "Letztes Jahr auf Ischia", Ullstein Juni 1995

Warum ich trotzdem weiterlese? Weil sie einen tollen Stil schreibt, weil die "langweilige" Liebesgeschichte zu ihrer Zeit (sie ist Jahrgang 1921) sicher revolutionär und total verrucht war: Eine Frau mit drei Männern auf einer überschaubaren Insel. (Wer mit wem? So ganz klar wird das nicht. Viele Andeutungen, kleine Gesten - und doch Besitzansprüche seitens Paul. Diesem Paul, der aber einfach mal für zwei Tage verschwindet, was Arnes Bemühungen verstärkt.)

Weil Brückner eine gnadenlos genaue Beobachterin ist von menschlichen Eigenarten. Es ist der zweite Roman von ihr, den ich lese, denn davor im selben Buch stand "Ein Frühling im Tessin". Und der Roman hat mich so begeistert, dass ich weiterlas. Und immer noch weiterlese - und wohl auch zuende lesen werde. Auch dies Buch ein Fund im Thurnauer Bücherhäuschen. Und ich will jetzt schon mehr von ihr, von ihrer Art Sprache zu benutzen. Fange schon an, in ihrem Duktus zu denken.

Ja, "Frauen, die schreiben, sind gefährlich!" Das Buch will mir demnächst eine Freundin geben. Also ein rechter Lesesommer, dieser Sommer in Birgits Büchergarten.

Lila, Lila von Martin Suter

Der Roman beginnt mit einer kurzen und wichtigen Vorgeschichte, die ich aber zunächst nicht einordnen kann.

Bis etwa zur Mitte hab ich mich recht gelangweilt. Der Protagonist David arbeitet als Kellner, versucht krampfhaft an eine Clique Anschluss zu finden, die sich regelmäßig in dem Szene-Lokal trifft, in dem er kellnert. Das will nicht so recht klappen. Er begnügt sich dann damit, über die Witze zu lachen, deren Pointe er nicht mitbekommen hat. Seine Wohnung ist mit Einzelstücken aus den 50igern eingerichtet, sein Klo befindet sich separat im Hausflur, eine Duschkabine gibt´s in der Küche. Ich frag mich einige Male: Wer will das wissen? Zumal Martin Suter neue Personen oft genug ausgiebigst einführt und sie dann eine ganze Weile wieder in der Versenkung verschwinden lässt. Und dann sitze ich da mit den ganzen Infos und frag mich ... Erst kurz nach der Hälfte des Buches platzt der Knoten. David hatte schon ganz zu Anfang des Romans in einem Nachtschränkchen, das er gebraucht erwirbt, ein Manuskript für ein Buch gefunden. Schon auf Seite 12 wird angekündigt, dass dies sein Leben verändern wird. Er scannt die Liebesgeschichte "Lila, Lila" ein und beseitigt die gröbsten Fehler. Er lernt ein Mädchen kennen, Marie. Um sie zu beeindrucken, zeigt er ihr das Manuskript. Autor Alfred Duster. Er wehrt sich nicht, als sie denkt, das sei sein Pseudonym. Sie findet die Story berührend und klasse und reicht sie ohne sein Wissen bei einem Verlag ein. Der nimmt das Buch an und nun, ab Mitte des Buches, entwickelt die Geschichte tatsächlich Dynamik. Es ist, als hätte Martin Suter sich mithilfe moderner Schreibratgeber besonnen, dass es wichtig sei einen Gegenspieler einzuführen - und mit Jacky Stocker, einem älteren Obdachlosen gelingt das wunderbar. Der behauptet nämlich den Ursprung des Manuskripts zu kennen und taucht fortan überall da auf, wo David aus Gründen der Publicity hin muss. Er spielt sich in den Vordergrund, wird zu Davids Agenten und sahnt kräftig von seinen Verdiensten ab. David nimmt das alles hin, um Marie nicht die Wahrheit gestehen zu müssen. Seine Bredouille überzeugt und beeindruckt. Trotzdem kommt seine Liebesgeschichte mir ihr auch nicht herum um Alltag, Stress, Enttäuschung. Zwischendurch blitzt auch Martin Suters pfeffrige Schreiberqualität durch, z.B. wenn sich die Mitglieder der Kneipen-Clique gegenseitig charakterisieren. Meine Lieblingszeilen aber stehen auf Seite 191. Aberwitzig, was der Hype um David für Blüten treibt. Ein Filmteam dreht eine Reportage über den inzwischen berühmten Autor: "Mit Genehmigung der Stadtgärtnerei drehten sie mehrere Gänge über den Rasen. Darunter die Version Schriftstellerschatten - die Kamera verfogt nur den Schatten des tief in Gedanken über den Rasen schlendernden Autors - und die Variante Schriftstellerfüße - der Kameramann verfolgt ihn in gebückter Haltung, das Objektiv auf die Füße gerichtet, die Kamera in der Hand gleich einem Curlingstein kurz vor dem Aufsetzen." Also, wer nicht grade vorher einen Thriller gelesen hat und etwas Geduld mitbringt, kann diese aberwitzige Liebesgeschichte in der Liebesgeschichte durchaus genießen. Von mir bekommt sie wegen des lahmen ersten Teils aber nur 6 von 10 Blüten.

und schnell hintereinander habe ich folgende Bücher verschlungen: Auf Empfehlung eines Bayreuther Antiquars las ich die Kolumnentexte aus der Weltwoche, Zürich von Martin Suter "Business Class"  - Geschichten aus der Welt des Managements - ; als Taschenbuch herausgegeben im Diogenes Verlag in 2000. Ach sind die scharf - sinnig und mit feiner Pointe! Einen gleichfalls empfohlenen, von ihm verfasster Liebesroman: Lila, Lila (ebenfalls Diogenes, 2004) bespreche ich oben.

Danach wollte ich der aufkommenden Hitze draußen etwas Spannendes entgegensetzen, bevor ich zerfließe. Mal wieder etwas aus dem Thurnauer Bücherhäuschen: Clive Cussler, Akte Atlantis, herausgegeben 2003 bei Blanvalet. Ein sehr spannender Katastrophenthriller mit viel Spezialwissen über Waffen und modernste Fortbewegungmittel - sei es zu Wasser, zu Land oder in der Luft. Gleich zu Anfang irritieren aber ein paar Details: Gefrorene Leichen in einer Zone der Antarktis, die sich trotz Tauwetters, das frau als Leserin geschildert bekommt, nach mehr als hundert Jahren  noch immer in tadellos gefrorenem Zustand erhalten haben. Auch die Entzifferung von Schriftzeichen, die über 9000 Jahre alt sein sollen, machen keine nennenswerten Schwierigkeiten. Simplerweise wird der Leserin einfach vorenthalten, um welche Sprache es sich dabei handelt. Die Amis jedenfalls verstehen sie. Der Inhalt ist brisant und weltgefährdend. Möglicherweise droht ein Kometeneinschlag. Nun, solche Szenarien gibt es häufiger, aber in diesem Fall wendet der Autor einen spannenden Kniff an, indem er das Ganze als Tarnung für einen noch viel perfideren, weil menschengemachten, Anschlag plottet. Nachkommen aus Hitlers Genmaterial planen das Vierte Reich und wollen unter Verwendung modernster Nanotechnologie ein Taumeln der Erde erzeugen. Die darauf folgenden Katastrophen würden mit Ausnahme ihres weitläufigen Familienclans, der sich auf riesigen Archen in Sicherheit bringt, die gesamte Erdbevölkerung auslöschen und einen Neustart unter ihrer Weltherrschaft ermöglichen. So, wie die Typen geschildert werden, eine erschreckende Vorstellung!

Wer sie wie daran hindert ist atemberaubend spannend und teils humorvoll geschildert. Rasante "Äckschen", tolldreiste Typen mit viel Glück auf ihrer Seite und loyal wie Stahl. Pech für die Bösen! Ein nettes Detail in diesem Science Fiction Roman, das die Geschichte inzwischen widerlegt hat, ist, dass Prince Charles nach Abdankung seiner Mutter König geworden ist. Hähä! (Die englischsprachige Erstausgabe stammt aus 1999) Ihr findet das Buch wieder im Thurnauer Bücherhäuschen.

Maeve Binchys (Irische Autorin) Roman "Im Kreis der Freunde", Knaur, Mai 1995. Ist ausgelesen und für interessant befunden. Der Beginn des Romans ist im Jahr 1949 angesiedelt und beschreibt die Lebenswege von zwei Mädchen, Freundinnen, die 10 Jahre alt sind. Dann gibt es einen Zeitsprung und ich wundere mich, wie naiv die nun 18jährigen Girlies in ihr Erwachsenenleben starten. Die kräftig gebaute, große Benny wächst behütet in der Kleinststadt Knockglen nahe Dublin auf, ihre zarte (zunächst einzige) Freundin Eve aus Gründen einer tragischen Familiengeschichte als einziges Kind in einem Nonnenkloster im selben Ort. Beide gehen mit 18 aufs College in Dublin. Binchy fängt die Stimmung in den verschiedenen Familien, um die es nun geht (auch von Kommilitonen der beiden), sehr sensibel auf und beschreibt sie spannend, differenziert und oft mit einem Augenzwinkern. Es war halt eine andere Zeit damals. Moralisch, religiös, gesellschaftlich und, für die jungen Damen nicht unwichtig, vor allem modisch gesehen. Viel musste aus wirtschaftlichen Gründen improvisiert werden. Es geht viel um familiäre Situationen, Ängste, Möglichkeiten.

Das Buch ist über 20 Jahre alt und wieder in einem völlig anderen Stil geschrieben, als der Thriller unten. Trotzdem wird es mir nicht langweilig. Ich beobachte gespannt, wie Binchy die verschiedenen Charaktere bei ihren Versuchen ihr Leben zu meistern, schildert. Auch dieses Buch ein Fund im Bücherhäuschen Thurnau und wohl eher im Antiquariat zu bekommen, falls jemand Lust darauf bekommen hat. Oder ihr erwischt es im Bücherhäuschen, weil ich es heute zurückgebracht habe ;-)

Ausgelesen hab ich nun aus dem Bücherhäuschen Thurnau: Jeffery Deaver, "Das Gesicht des Drachen", erschienen 2004 bei Blanvalet. Eine Geschichte, die in unsere Zeit passt, nur dass die Bootflüchtlinge aus China stammen und von sogenannten "Schlangenköpfen" (Übersetzung des chinesischen Ausdrucks für Schlepper) illegal in die USA geschleust werden. Als wäre Gefahr für Leib und Leben bei der Überfahrt nicht genug, bewegt Angst vor Verfolgung den von amerikanischen Behörden intensiv gesuchten Schlangenkopf "Geist" dazu, das Schiff zu sprengen, wodurch es nur wenige Überlebende gibt. Deren gefahrvolle Flucht in die "Freiheit" wird von profitgierigen Menschen weiter erschwert.

Als Ermittler fungieren der querschnittsgelähmte Lincoln Rhyme und ein flotter rothaariger Feger namens Amelia Sachs (arthritisgeplagt und sehr tapfer) - nebst dem üblichen Team aus Spurensicherern und FBI - Agenten. Ich bin auf Seite 100 von 476 und habe mich noch keine Sekunde gelangweilt. Auch hier aber:  viele, viele Namen - auch chinesische. Bis zum Schluss spannend mit einer wirklich genialen Wendung. Also, ich mag´s empfehlen.

Richtig schön dick war der 2017 erschienene Roman von Carmen Korn: "Töchter einer neuen Zeit". Rowohlt Taschenbuchverlag. 540 Seiten, "vier Frauen - zwei Weltkriege - hundert Jahre Deutschland".

Die Autorin ist mein Jahrgang (1952) und Hamburgerin. So erkenne ich vieles wieder an Straßennamen und genieße den einen oder andern Einschub in Platt, der Sprache der Einheimischen. Das Buch ist wie ein Mehrfamilienhaus, in dem immer mal wieder eine Tür oder ein Fenster aufgeht und den Blick freigibt auf ein Stück Familienleben. Nah und intim. Einige Lebensentwürfe werden ausgebreitet: Familie mit und ohne Kind, mit und ohne Liebe, auch zwei Frauen, die miteinander leben. Vieles rankt sich um die Geburtsklinik Finkenau, in der zwei der vier Frauen als Hebammen arbeiten. Hautnah erlebt die Leserin, wie stark die Politik das Private beeinflusst, Not und Inflation, sowie das Erstarken der Hitlerbewegung mit allen Begleiterscheinungen wie Denunziation und Schlägerei. Nach dem letzten Krieg wollen alle Frieden, blenden die unheilverkündenden Anzeichen der nahenden Katastrophe aus. Wie knapp es zugeht bei einigen der Protagonisten, lässt sich am Küchenzettel ablesen, aber es gibt auch die Genießer, die immer wieder auf die Füße fallen. Das große und das kleine Glück erlebt die Leserin und die große Not, wenn der Tod einen der Lieben aus der Mitte der geschilderten Runde reißt.

Ein starkes Buch, das mich nicht loslässt, obwohl mir die vielen Wechsel von einer Person zur andern zunächst etwas Mühe machten. Es gibt allerlei Namen zu bewältigen. Das Glossar am Schluss ist ebenfalls lesenswert. Es enthält Erklärungen typischer Hamburger Begriffe, wie zum Beispiel "Udel" oder "Töffel", aber auch Geschehnisse und Ortsbeschreibungen, die für das Verständnis des Buches hilfreich sind.

Für dieses Lesevergnügen gebe ich 8 von 10 Blüten, da die vielen Namen doch das Lesevergnügen etwas beeinträchtigt haben. Eigentlich wollte ich den Folgeband auch lesen, aber die Rezensionen auf Am.... zeigen, dass sich die Tendenz wohl fortsetzt. Also lieber ins Bücherhäusel in Thurnau. Da finde ich auch ganz unterhaltsame Schmöker.

Zum Beispiel: Jeffery Deaver "Das Gesicht des Drachen", erschienen 2004 bei Blanvalet.